Stille Hunde

Rezension: „Stille Hunde“ präsentieren „Don Juan“

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Als Tirso de Molina 1630 den Burlador de Sevilla schrieb und mit der Figur des berühmt-berüchtigten Don Juan den Archetypus des Frauenhelden der europäischen Dichtung ins Leben rief, ahnte er nicht, in welch nahezu unbegrenzter Vielfalt die Verarbeitungen der Verführer-Figur in den folgenden vier Jahrhunderten Niederschlag finden würde. Eine Dramatisierung der sehr modernen Art und Weise wurde den Zuschauern zuteil, die am Abend des 16. August den Stillen Hunden in das Schloss Rittmarshausen gefolgt waren und damit bereits durch die Wahl der Location ein erstes Hand-in-Hand-Gehen von Tradition und Moderne erlebten.

Unehrerbietigkeit und Respektlosigkeit, Flegelhaftigkeit und Beleidigung, Freigeisttum und Pragmatismus kennzeichnen den Don Juan Tirso de Molinas, zu Hause in einer ritterlichen Welt, in der Treue, Ehre und Reinheit der Frauen unangetastete Kategorien sind. In einer solch vermeintlich heilen Welt besteht das Tragische jedoch allzu leicht im Aufbegehren gegen das Heile. Aufgabe des Dramatikers ist es also, diese durch das gegen Aufbegehren Einzelner ins Wanke gebrachte Ordnung in ihrer Ganzheit abzubilden.

Dieser Aufgabe kommt die Inszenierung der Stillen Hunde ganz und gar nach: In ihr wird der Archetyp der Maßlosigkeit sichtbar, der sich über sämtliche tradierte Normen hinwegsetzt und dadurch die geltenden Werte und Ideale in Frage stellt. „Die Religion ist tot, es lebe die Religion: Mode ist der neue Gott!“ Jene Divise kennzeichnet den Wandel des ursprünglichen Adelssprosses des 17. Jahrhunderts in den einstmals gefeierten Modefotografen unserer Zeit, der – ständig umgeben von den schönsten Frauen – sich wenig um Moral und Anstand kümmert. Doch nicht nur, dass er seine Ehe mit der reichen Erbin Ana als offene Zweierbeziehung betreibt, verführt, ehebricht, lügt und betrügt – auch der Lebenswandel, dem diese ruchlosen Taten entspringen, ist ganz und gar verderbt: Ungeniert bedient er sich an Firmengeldern und am Vermögen seines Schwiegervaters, um sein Leben im Überdruss führen und sich seinen erotischen Eskapaden hingeben zu können.

So geschickt und autoritär Don Juan, so tollpatschig und unsicher sein Handlanger Catalinón, dem Chef treu ergeben, der herrisch-selbstbewussten Doña Ana unterwürfig gegenüber. „Ich weiß nicht, Doñana“ – einer der Sätze, die sich neben seinen tief bekundeten Schwüren auf die Jungfrau Maria, die Heiligen oder das Leben seiner Mutter wie ein roter Faden durch das Stück ziehen. Auch sein Liebesleben eher dürftig. Nach dem Auftreten Tabeas, die ihre aus einer Krankenschwester-Fernsehrolle erworbenen Künste am lebenden Objekt schaulustig präsentiert, winkt Juan nur ab: „Sevier sie ab! Oder willst Du sie?“ – „Wenn ich darf, Chef?!“

Trocken die Art, spitz und zielgerichtet die Kommentare des Don Juan, die dem Publikum beste Unterhaltung bieten. Als die hochschwangere Isabella unerwartet auftaucht, entrüstet nach zahlreichen unbeantworteten AB-Nachrichten, und ihrem Leiden zwischen Keuchen und Wut erneut Luft lässt, könnte die Gleichgültigkeit des werdenden Vaters kaum größer sein. Auf die Frage, was es ihn denn interessiere, ob es ein Junge oder Mädchen werde, folgt prompt: „Nur pro forma. Für meine Buchhaltung.“ Ebenso radikal seiner Ehefrau gegenüber: Als sie ihm, im Gespräch über das Ableben ihres Vaters, ein „Du bist verkommen!“ entgegenwirft, entgegnet er: „Einer muss ja das Tier sein, wenn Du den Käfig spielst.“ Die Katastrophe ist dennoch nicht abzuwenden: Nach der Vergewaltigungsanschuldigung seitens der Angestellten Amenta und dem Tode Juans sind es Catalinón und Ana, die bleiben – der treue Handlanger nun ganz den Diensten seiner triumphierenden Doña unterworfen.

Die Mittel, derer sich die Darbietung bedient, könnte man als plakativ kritisieren. Ein überzeichneter Macho-Juan, eine Tisbea mit rosa Plüsch-Einhorn und ein hoher Anteil an Vulgärsprache, der die Frage aufwirft, ob die Inszenierung tatsächlich Spiegel unserer Gesellschaft oder vielmehr eine gezielt eingesetzte, maßgeschneiderte Übertreibung ist - und dennoch eine gelungene Dramatisierung, bei der es nicht zuletzt der Hingabe und Schauspielkunst von Maja Müller-Bula, Stefan Dehler und Christoph Huber zu verdanken ist, die Figuren in ihrer tragikomischen Veranlagung darzubieten und mit dem berüchtigten Frauenverführer eine der schillerndsten Theaterfiguren der Geschichte in die Mauern des Schlosses Rittmarshausen zu bringen.

Die nächsten Vorstellungen im Schloss Rittmarshausen in Gleichen sind am 31. August, am 1., 2., 6., 7. und 8. September. Tickets gibt es hier online im Ticketshop des Kulturbüros sowie an allen Reservix-Vorverkaufsstellen.

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