Göttinger Barockorchester

Es liegt so nahe, Unbekanntes mit Bekanntem zu vergleichen und es danach zu bewerten. Doch Vielem wird man damit nicht gerecht. Wir alle kennen Bach. Wir alle kennen Mozart. Aber kennen Sie Carl Friedrich Rudorff? Am Samstag, den 6. Oktober 2018, hatte das interessierte Göttinger Publikum die Gelegenheit in St. Johannis Kirchenmusiken eines Mannes kennenzulernen, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hier in Göttingen an St. Johannis wirkte.

Der Blick in die Göttinger Musikgeschichte ist Antonius Adamske zu verdanken. Im Rahmen seiner Diplomarbeit erforschte er Leben und Werk des Komponisten, der irgendwo zwischen Bach und Mozart anzusiedeln ist, und doch beiden Vergleichen widerstrebt. Denn diese Zeit am Ende des 18. Jahrhunderts ist, gerade in der Kirchenmusik, geprägt von der Suche nach der „wahren“ Musik. Und so war das sehr gut zusammengestellte
Konzertprogramm ein Einblick in insgesamt vier verschiedene Ideen vom Ziel dieser Suche.

Zu Beginn stand die Weihnachtskantate „Ach, dass du den Himmel zerrissest“ von Wilhelm Friedemann Bach. Dramatisch, mitreißend und voller Überraschungen ist diese Musik, die, abgesehen von der etwas
unpassenden liturgischen Verortung, hervorragend den Blick auf die gefühlvoll-empfindsame Antwort auf die Frage nach der „wahren“ Musik lenkt. Und doch merkt man an vielen polyphonen und kühn modulierenden
Passagen, dass Wilhelm Friedemann viel von seinem Vater Johann Sebastian gelernt hat. Das gleiche gilt auch für Carl Philipp Emmanuel Bach, dessen Sinfonie C-Dur im weiteren Verlauf des Konzerts gespielt wurde.

Diese „empfindsame“ Lösung präferierten auch alle Mitwirkenden, die da waren das Göttinger Barockorchester, ein jeweils zweifach besetzter Ripieno-Chor, die Solisten Hanna Zumsande (Sopran), Nicole Pieper (Alt), Jacob Lawrence (Tenor) und Henryk Böhm (Bass), sowie der Dirigent des Abends, Antonius Adamske. Ihm vor allem, aber auch allen anderen merkte man viel Mitempfinden der Musik, vor allem aber die Freude am gemeinsamen Musizieren an. Die vier Solisten waren als Ensemble ideal zusammengestellt, da, neben einigen zum Teil virtuosen Soloarien, vor allem in den Rudorff-Kantaten einige Terzette und Quartette folgen sollten, bei der sie ihr Zusammenspiel beeindruckend zeigten.

Eine weitere Antwort auf die Frage nach der „wahren“ Musik bot an diesem Abend der in Scheden geborene Johann Joachim Quantz, dessen Flötenkonzert in G-Dur auf dem Programm stand. Dorothe Müller-Kunst
verzauberte die Zuhörer mit ihrem mal zarten, mal energischen, aber immer präzisen Traversflötenspiel, Quantz überzeugte durch eine sehr strukturierte Komposition mit wunderbaren Melodien und deren thematischer Verarbeitung.

Und Rudorff? Ist er, als jüngster der vier gespielten Komponisten, nun ein Göttinger Mozart? Nein, sicher nicht, denn er steht ganz in der Tradition der protestantischen Kirchenmusik. Seine Antwort auf die Frage nach der „wahren“ Kirchenmusik ist ganz zeittypisch: Musik, die das Herz rührt und damit zur Andacht führt. So formulierte es der zeitgleich mit Rudorff amtierende Leipziger Thomaskantor Johann Friedrich Doles, der in
der Kirchenmusik keine intellektuellen Herausforderungen sehen wollte, sondern Klänge, Harmoniefolgen, Textdeklamation und Melodien, die jeder Gottesdienstbesucher versteht und die jeden anrühren kann. Rudorffs Interpretation dieser Idee ist nicht nur gelungen, sondern an vielen Stellen kreativ und interessant. Ist die zweite aufgeführte Kantate „Herr, thue meine Lippen auf“ dabei noch ganz klassisch in der Form, wie
wir sie auch von Bach kennen, so sind die anderen beiden „Lobet ihr Himmel den Herrn!“ und „Lobet den Herrn, lobet ihr Knechte des Herrn“ schon Psalmkantaten, die in Folge der Abkehr von der unmodern gewordenen barocken Kantatendichtung entstand.

Hervorgehoben sei an dieser Stelle auch das informative Programmheft, dem, als Ergebnis eines Seminars am Musikwissenschaftlichen Seminars, die Studierenden Lisa Bölinger, Daniel Backhup und Lennard Wagner
ausführliche Texte zu Rudorff und seinem historischen und musikalischen Kontext beisteuerten.

Haben wir nun endlich einen „Göttinger Mozart“? Nein. Und das ist auch gut so. Denn, mal abgesehen davon, dass viele Kirchenmusikwerke Mozarts nicht zu dessen kompositorischen Glanzstücken zählen, sowohl die
räumliche, als auch die inhaltlich-theologische Entfernung haben Rudorff selbst kreativ werden und seine eigene Antwort auf der Suche nach der „wahren“ Kirchenmusik finden lassen. Göttingen kann also stolz sein,
seinen eigenen Rudorff und nicht einen kopierten Mozart zu haben. Es bleibt zu hoffen, dass sich dieses Bewusstsein auch im Göttinger Musik- und Konzertleben etabliert. Und es bleibt Antonius Adamske für die
wunderbare Möglichkeit zu danken, genießend an seinen Forschungen teilzuhaben.

Das Konzert wurde vom NDR mitgeschnitten und wird am 6. Januar 2019 auf NDR Kultur gesendet.

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