Deutsches Theater

Benjamin will die Wahrheit wissen über den Mann, der seine Schwester vergewaltigt hat. Noch sieht es so aus, als ob er nur zufällig auf Isaac trifft, weil er bei ihm einen Job als Fensterputzer bekommen hat. „Schau nicht nach unten“, herrscht ihn der Jugendfreund an, wenn er in luftiger Höhe an einer Hochhausfassade Halt sucht. Gemeint ist damit auch die gemeinsame Vergangenheit mit dem Bürgerkrieg, den Terrorkommandos und der Willkür, die Opfer zu Tätern werden ließ. Nur dass das auf gar keinen Fall zur Sprache kommen darf.

Die Vergangenheit hängt jetzt auf der DT-2 Bühne „In der Schwebe“, oft auch zwischen den Zeilen und hinter einem Gerüst. Marius Arendt klammert sich an die Gitterstäbe, während sich Gregor Schleuning gelassen daran entlang hangelt. Jakob Weiss, der das traumatische Duell der israelischen Dramatikerin Maya Arad Yasur als deutschsprachige Erstaufführung inszenierte, lässt seine beiden Schauspieler nicht an Seilen hängen, wie im Text beschrieben. Er hat ihnen stattdessen einen Käfig entworfen, in dem sie sich mit ihrer eingekerkerten Vergangenheit wie in einem Gefängnis belauern.

Issac will nicht über die Vergangenheit reden, weder über Schlepper und mühsame Fluchtwege, noch über das Einreiseprocedere und die billigen Jobs und schon gar nicht was damals geschah, als die Rebellen seinen Vater vor eine schreckliche Entscheidung stellten. Er hat jetzt sein eigenes Unternehmen und Arbeiter wie Benjamin, die mit ihm für klare Aussichten in die Büroetagen sorgen. Doch der insistiert, als ob er einfach mal mit einem Schicksalsgefährten darüber reden muss wie das war, nachts mit Sandalen durch eine frostige Nebenlandschaft zu irren, mit einer glaubhaften Geschichte Asyl zu bekommen und die bürokratischen Hürden zu überwinden. Der Jugendfreund blockt weiter, als ob ihn die gemeinsame Fluchtgeschichte nichts angehe. Doch die argwöhnische Mine von Gregor Schleuning, die sich für Momente immer wieder entspannt, erzählt etwas anderes. Das tut auch der scheinbar erwartungsvolle Blick von Marius Ahrendt, sich wenigstens über den gemeinsamen Alltag verständigen zu können.

Doch dann kündigt sich eine Katastrophe an. Isaac verliert einen Schuh, der möglicherwiese einen Passanten aus 70 Meter Höhe tödlich getroffen hat. Sirenen heulen, Blaulicht flackert. In der Büroetage taucht ein Ermittler auf. Es könnte eine Mordanklage drohen, ein Absturz der mühsam erkämpften neuen Existenz. Aber vielleicht ist den beruhigenden Worten Benjamins ja doch über den Weg zu trauen, jetzt wo die Rollen scheinbar vertauscht sind und ein Anderer panisch nach unten schaut.

Die beiden Schauspieler demonstrieren eine weitere Variante dieses Kräftemessens, das sich hinter den stürmischen Wortwechseln ebenso verbirgt, wie hinter den lässigen Sprüchen und den kollegialen Gesten in der Schwebe. Die vielen verbalen Tarnmanöver geben ihren Figuren Halt. Darin bestärkt sie auch Regisseur Jakob Weiss, dessen Inszenierung auf psychologische Deutungsmuster verzichtet und keine Empathie einfordert. Um die beiden Flüchtlingsschicksale webt er eine Atmosphäre der Unnahbarkeit. Da stimuliert kein emotionaler Aufruhr, und es gibt auch keine dramatischen Klettereffekte zwischen den Gitterstäben. Aus einem knarzenden Transistorradio kündigt eine Frauenstimme die Szenen an und die Zeit bis zum Abend, die in der Schwebe herrscht. Aus vier Neonröhren leuchtet es einfach stoisch und nur gelegentlich wabert die Nebelmaschine einen Dunstschleier in das Metallgehäuse, bis der Moment der Offenbarung gekommen ist und die Gitter in blutiges Rot getaucht werden.

Ein Vater entscheidet sich für den anderen Bruder, als die Rebellen nach dem Kostbarsten fragten, um ihn mit einem Kopfschuss zu töten. Ein 12jähriger Rebell vergewaltigt die Schwester seines Freundes und lässt ihn hinter einem Fußball herjagen, damit das Kostbarste überlebt. Jetzt, wo der vermeintliche Täter feststeht und auch das Opfer, wäre Raum für all die Rachegefühle, den Schmerz und die Hilflosigkeit. Doch nicht einmal das entlädt sich demonstrativ und setzt den Zuschauern umso eindringlicher zu, wenn sich Isaac und Benjamin ihre Erklärungen erzwingen. Zum Fürchten ist dieser sachliche Tonfall, der ihre Schmerzbilder so stoisch ummantelt wie das trübe Neongelb und dabei auch die Schuldgefühle, das Kostbarste verraten zu haben.

„In der Schwebe“ gehört zu den so genannten „well made plays“ und ist in seiner klugen Dramaturgie so spannend gebaut wie ein Krimi, dessen Ende nicht vorhersehbar ist. Hier macht es fassungslos und sprachlos wie nach einem Alptraum. Auch darin liegt die besondere Stärke dieser Inszenierung, die sich weigert, zwei Flüchtlingsschicksale zur Schau zu stellen um sie dann zur anteilnehmenden Betroffenheit freizugeben. Betroffen machen, wütend und nachdenklich soll vor allem die Tatsache, dass die klassischen Kategorien von Täter, Opfer, Gut und Böse, Schuld und Unschuld nicht mehr greifen, wenn es nur noch um das Überleben geht und nicht mehr um Recht oder Unrecht, das richtige oder das falsche Lager oder irgendeine Form von Entscheidungsfreiheit.

Isaac und Benjamin hatten sie nie. Die Frage stellt sich, ob sie jemals darauf vertrauen können, jetzt wo ihre Vergangenheit und ihre Schuldgefühle nicht mehr in der Schwebe hängen. Die Wunden gären weiter – und das unter dem besonderen Schutz der beiden Schauspieler, die auch die Einsamkeit ihrer Figuren spürbar werden lassen. Mag sein, dass es nun an der Zeit, einen gemeinsamen Versuch zu wagen. einen vorsichtigen Blick über den Käfig, den nicht sie zu verantworten haben sondern andere. Die Last tragen sie weiter.

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