Literarisches Zentrum

Wir – ein kleines Wort mit vielschichtiger Bedeutung. Ein Wort, das ein Zusammengehörigkeitsgefühl der eigenen Person mit einer Gruppe Menschen voraussetzt, aber ebenso auch andere Menschen gleichzeitig ausschließen kann. Über die Wirkung dieses Wortes stolperte man in seinen verschiedenen Intentionen in den letzten Jahren vermehrt. Sei es in Buchhandlungen, in denen sich auf den Bestsellertischen immer wieder Sachbücher finden lassen, deren Thema, die Verhandlung von Kollektivitäten, schon im Titel ersichtlich wird, oder bei Pegida-Demonstrationen, bei denen sich wirklich jede und jeder bemühen sollte, kritisch zu hinterfragen, wer hier denn nun das Volk ist. Dieses kleine Wort nutzen auch Jana Hensel und Wolfgang Engler im Titel ihres im September 2018 erschienenen Buchs, um eine Debatte anzustoßen, die viel zu lange Zeit vernachlässigt worden sei, nämlich: Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein.

Dass es sich hierbei jedoch keinesfalls um eine identische Erfahrung handelt, das wird im Verlauf des Abends im Literarischen Zentrum mehr als deutlich. Moderiert von Katharina Trittel, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Göttinger Instituts für Demokratieforschung, treten die verschiedenen Lebenswelten der Autorinnen und Autoren in der DDR und Uneinigkeiten bei der Bewertung der Erfahrungen ehemaliger DDR-Bürgerinnen und -Bürger in der Nachwendezeit schnell zutage. Und genau darin liegt der Reiz des Gesprächs, das die dialogische Form des Buchs wiederspiegelt. Zwei Tage lang hätten sie sich einsperren lassen, um sich ihre Geschichten zu erzählen, sie zu erinnern, aus heutiger Sicht zu kontextualisieren und auch zu streiten. Dieses Gespräch wurde aufgenommen und liegt in Form dieses Buchs vor. Was man darin erfährt, ist nicht nur eine Revue passieren lassen von empirisch Belegbarem. Nicht die Zahlen des Wirtschaftskollapses der postsowjetischen Staaten nach der Wende seien aus heutiger Perspektive interessant, wenn man verstehen will, warum Pegida in den neuen Bundesländern zuerst ein Phänomen wurde, oder die AfD dort bei Wahlen besonders viele Stimmen abgreift. Um diese Entwicklung zu verstehen, müsse man eine Innensicht einnehmen. „Die psychologischen Dimensionen wurden kaum besprochen“, so Hensel, „der Raum Ostdeutschland wurde immer westdeutsch erzählt.“

Was es heißt, eine ostdeutsche Erfahrung zu haben, davon handelt der erste Teil des Buchs, aus dem Jana Hensel und Wolfgang Engler lesen. Es wird schnell deutlich, dass diese Erfahrung eine individuelle ist, die sich jedoch zu einem großen Bild zusammensetzt, geprägt von Fremdzuschreibungen. So wurden aus DDR-Bürgerinnen und -Bürgern die Ostdeutschen, als solche stigmatisiert in einem vereinigten Land. Aus dieser gemeinsamen Empfindung leiten sich die biographisch bedingten unterschiedlichen Erfahrungen ab, die schon bei den beiden deutlich hervortreten. Wolfgang Engler, 1952 in Dresden geboren, ist seit 1992 Professor für Kultursoziologie und Ästhetik an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Jana Hensel wurde 1976 in der Nähe von Leipzig geboren und ist Autorin und Publizistin, seit 2018 bei Zeit Online. Beide haben durch ihr Alter und ihre Sozialisation verschiedene Erinnerungen an die DDR und die Post-Wende-Zeit, was ihre Gespräche in Verbindung mit ihren unterschiedlichen Ansätzen besonders interessant werden lässt. Argumentiert Engler eher über eine historische Metaebene, assoziiert Hensel eher über eigene Gefühle und Gedanken zu den Entwicklungen: „Hätten die jungen Menschen bleiben können, wäre es dann anders?“, so sinniert sie über die Ausschreitung in Clausnitz gegenüber Geflüchteten, stellvertretend für die gegenwärtige politische Situation in den neuen Bundesländern.

Das hier nur beispielhaft genannte Verbinden des demographischen Wandels und der wirtschaftlichen Situation nach der Wende mit der aktuellen Lage wirft Fragen in den Raum, die nicht klar beantwortet werden können, aber gestellt werden müssen. Dass die Gäste sich in vielen Punkten nicht einig sind – Hensel nimmt im Gegensatz zu Engler einen intersektional argumentierenden Standpunkt ein – macht die Debatte umso ertragreicher und verdeutlicht einmal mehr, dass sie noch nicht zu Ende geführt worden ist.

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