Junges Theater

Auch der Ghettoblaster spuckt große Töne, sobald Jan Reinartz eine Cassette in das Fach schiebt und den „Psychokiller“ der Talking Heads auch mit seiner akustischen Gitarre unterwandert. Im Hintergrund träumt sich Jaqueline Sophie Mendel in der Robe einer Southern Belle mit Lou Reeds „Smalltown“ weg von der Provinz und den ewig gleichen öden Aussichten. Wo die leicht zerbrechlichen Sehnsuchtshoffnungen immer wieder unter die Räder kommen und Karsten Zinser in die „wicked games“ von Chris Issaak eintaucht, sind nun auch leidenschaftliche Kampfansagen fällig. Angefeuert von Katharina Brehl wird „Proud Mary“ weiter brennen und Madonna als Popikone zelebriert. Dann rockt sich Andreas Krüger mit Billy Idols „Rebell Yell“ tief in die Eingeweide der musikalischen Ausbrecher, wie auch sie die 80er Jahre prägten.

Meist genügen schon ein paar Takte, und die Songs von Joe Jackson und Sting, Madonna, Freddy Mercury und David Bowie sind wieder präsent, spürbar auch in der spontanen Begeisterung des Publikums für „Personal Jesus“ und die neue musikalische Chronik des Jungen Theaters. Regisseur Tobias Sosinka und sein musikalischen Leiter Fred Kerkmann sind ein eingespieltes Team, das mit dieser Revue auch an frühere Erfolge anknüpfen kann. Doch mehr noch als bei „Satisfaction“ und „Tausendmal berührt“ geht diese Inszenierung den Zeitstimmungen auf den Grund, wie sie in den Sounds und vor allem in den Texten zum Ausdruck kommen. Dass es hier auch um Sinnsucher geht, Glaubensfragen, die unbeantwortet bleiben, Phasen der Orientierungslosigkeit, die sich radikal zuspitzen oder auch verzweifelte Ausbrüche aus einem System, das sich vor alternativen Visionen abschottet. Das alles kommt in den musikalischen Statements zum Ausdruck und spiegelt sich vor allem in den szenischen Arrangements und den wechselnden Kostümen.

Die Showattribute werden schon bald von martialischer Lederkluft durchsetzt und von rissigen Stoffen. Da kollidieren die Elektrobeats mit den ersten Hip Hop Ausbrüchen, den New Wave Epigonen, den Hardrockern und der Gothic Fraktion, die dann auch mit Genuss ihre schwarzen Messen zelebriert. In der Version von Marylin Manson mutieren die weich gespülten „Sweet Dreams“ der Euythmics zum finsteren Albtraum. Wo U2 mit „Bullet the blue Sky“ den Himmel explodieren lässt und The The die Rückkehr der Amageddon Days“ beschwört, legt das JT Team mit AC/DC und dem „Highway to hell“ gleich noch einen Gang nach.

Bis zur Decke reichen die Stahlgerüste, die die Bühne rahmen, mit dem Bandpodest im Hintergrund und einem schmalen Steg, der die Spielfläche durchkreuzt. Von oben herab senkt sich nun ein martialisches Kreuz, das Carsten Zinser bei dieser schwarzen Messe erklimmt. Später segelt es Luftballons und rote Herzen, weil in den Songs natürlich auch weiterhin Liebesbekenntnisse und Sehnsüchte beschworen werden, sei es auf friedliche Zeiten oder auf einen Moment, wo sich der alltägliche Terror mit den emotionalen Verwerfungen mit Joe Jacksons Wunsch nach „slow song“ wegblenden lässt.

Natürlich funktionieren die musikalischen Flash backs auf den Zeitgeist der 80er Jahre auch ohne die darin kursierenden Themen und Motive im Sine einer effektvollen Bühnenshow mit tollen Songs und einem stimmstarken Ensemble. Da ist oft auch ein bisschen Gänsehautfeeling im Spiel, bei den Soul und Blues Farben, wie sie Katharina Brehl in dem Donna Summer Hit „ I will always love you“ so hymnisch strahlen lässt und dazu auch die Power einer rauen Rockröhre einsetzt. Zwischen den betont melodischen Arrangements, die Fred Kerkmann für Jan Reinartz und Jaqueline Sophie Mendel geschrieben hat, powert Andreas Krüger in bester Rocktradition mit tollem Stimmvolumen. Karsten Zinser gönnt den Songs so manche feinsinnige Parodie und verwandelt sie dabei auch in eine wunderbare Bühnenperformance.

Die Inszenierung spielt auch mit den Posen und Effekten wie sie in den 80ern angesagt waren, sei es in den medienwirksam inszenierten Events oder in der Szene, die sich den Mainstream Charterfolgen offensiv verweigerte. In dieser vielstimmigen Chronik begeistert auch der musikalische Support. Die Band mit Fred Kerkmann (Gitarre), Keyboarder Steffen Ramswig, Sebastian Strzys am Bass und Drummer Christian Villmann hat mit Ariane Mihm inspirierende Verstärkung bekommen. Neben den aufrührend wilden Gitarrenriffs, den vielfarbigen Keyboard Kontrasten und der groovenden Rhythmus-Fraktion bereichert die Trompeterin den Sound nicht nur um weitere Soli. Sie hat auch das Gesangscoaching für das JT-Team übernommen, das als Background Chor ebenso überzeugend punktet. Bei „We can be heroes“ und David Bowies Ansage zum Finale dieser musikalischen Zeitgeistreise hält es die Zuschauer kaum noch auf den Plätzen, die „Personal Jesus“ mit standing ovations feiern, drei Zugaben bekommen und den Theatersaal spontan in einen Dancefloor verwandeln.

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