Jacobikirche

Schon mit den ersten Takten kündigt sich ein dramatischer Aufruhr an. Es ist ein kämpferisches Panorama, das sich in der St. Jacobikirche mit den „Chichester Psalms“ von Leonard Bernstein entfaltet. Die Leidenschaft, mit der hier Dissonanzen und harmonische Wendungen aufeinander prallen, um immer wieder rhythmisch gebrochen und angetrieben zu werden gilt vor allem der Botschaft, die Bernstein musikalisch anmahnt. In ihr spiegelt sich die Hoffnung auf ein Miteinander, das von so vielen Gegensätzen, Widersprüchen und Kontrasten belebt wird, die sich friedlich miteinander verständigen möchten. Diese Hoffnung überstrahlte auch das Jubiläumskonzert zum 50jährigen Bestehen des Otto-Hahn-Gymnasiums, wo mit dem 25jährigen Bestehen des Musikzweiges auch das musikalische Miteinander gefeiert wurde und wie es den Schulalltag belebt und bereichert.

Zu den gemeinsamen Traditionen gehören die Konzerte des OHG Konzertchors mit dem Göttinger Knabenchor unter der Leitung von Michael Krause, bei denen auch ehemalige Schülerinnen und Schüler mitwirken, die sich zum „VokalArt Ensemble“ zusammengeschlossen haben. Die anhaltende Begeisterung für dieses vielstimmige Bündnis kommt im Jubiläumskonzert mit dem Musikern des Göttinger Symphonie Orchesters auch noch einmal auf besonders vielstimmige Weise zum Ausdruck. Zunächst natürlich in der Begegnung mit Bernstein und einer zeitgenössischer Musiksprache, die mit ihren tonalen und atonale Spannungsverhältnisse wie ein Klanggemälde anmutet, in dem sich die zarten und die expressiven Stimmfarben immer wieder neu beflügeln, um dann für Momente in Echoräumen zu verweilen, denen die Sängerinnen und Sänger dann nachlauschen. Dabei kommt es auch zu diesen berührenden Dialogen, wenn die Soprane sich mit der Stimme von Julius Laube vereinen, als Mitglied des Göttinger Knabenchors den Solopart in Bernsteins Chichester Psalms in ein strahlend schönes Gebet verwandelt. Auf den dramatischen Aufruhr von Tenören und Bässen folgt erneut dieser innige Aufruf, sich der Gnade und Güte des Herrn anzuvertrauen, die dann in ein abenteuerliches musikalisches Finale mit 7/4 Takten, beschwingenden off beats münden und Bernsteins Vision eines offenen Horizontes, in dem die Töne vielstimmig pulsieren und sich zu einem lebensbejahenden Klangraum vereinen.

Für die Momente der Andacht und der Reflektion über Themen und Motive und wie sie neben der musikalischen Begeisterung das Klima im Musikzweig des Otto-Hahn-Gymnasiums prägen, hat Michael Krause seine drei Chöre auf die „Fest- und Gedenksprüche“ von Johannes Brahms eingestimmt. In der Vertonung von Bibelversen in der Übersetzung von Martin Luther mahnt Brahms das Geschichtsbewusstsein an und dass historische Kriegs- und Krisenherde auch weiterhin erinnert werden müssen und zum Verständnis einer Gegenwart beitragen, die mehr denn je von Konflikten und radikalen Positionen geprägt wird und der anhaltenden Sehnsucht nach einem friedlichen Miteinander. So nachdenklich wie die Verse aus dem Buch Mose und eine Geschichte, die vor für die nachfolgenden Generationen auch im Herz bewahrt werden müsse entfaltet sich auch hier der musikalische Dialog für achtstimmigen Chor zu einem tief bewegenden Bekenntnis im Geiste des Miteinanders.

Wie im Unterricht auch verschmelzen an diesem Abend Musik- und Zeitgeschichte mit Stilepochen, religiösen Motiven und der Vielfalt der Klangkulturen und das ganz besonders in John Rutters „Magnificat“. Dem Lobgesang Marias mit ihrem strahlenden Glaubensbekenntnis nach der Verkündigung durch den Engel Gabriel widmete der britische Komponist und Chorleiter ein prachtvolles musikalisches Fest. Und auch hier entdecken die Choristen ihrem Publikum im Bündnis mit dem Göttinger Symphonie Orchester wunderbar inspirierende Motive in all ihren dramatischen, melodischen und rhythmischen Kontrasten, wie sie zärtlich berühren und fröhlich strahlen. Sie tauchen ein in die poetischen Mariengesänge des 15. Jahrhunderts und schöpfen aus den Klangmotiven der Gregorianik, um die Stimmen dann im Stil einer Fiesta tanzen zu lassen, wenn Rutter in seiner Komposition die Bilder von spanischen, mexikanischen oder puertoricanischen Marienprozessionen aufruft, die so viel Lebensenergie ausstrahlen und so viel hoffnungsvolles Gottvertrauen. Auch dieses musikalische Abenteuer, in dem sich so viele musikalische Kontinente begegnen, sind die intimen musikalische Dialog von besonderer Bedeutung, bei den Sopranistin Theresa Sommer ihre Maria mit sanft glühender Wärme formt und dann von den Chorstimmen liebevoll bestärkt wird und enthusiastisch umarmt.

„Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter!“ heißt es in Shakespeares Komödie „Was ihr wollt“. Das wünschen sich die Zuhörer in der St. Jacobikirche nach diesem Jubiläumskonzertwochenende umso mehr. Sie dürfen sich freuen auf weitere musikalische Begegnungen mit dem Konzertchor des Otto-Hahn-Gymnasiums, dem Vokal Art Ensemble und dem Göttinger Knabenchor unter der Leitung von Michael Krause, die ihre Liebe zur Musik so gern mit anderen teilen und daraus auch für ein vielstimmiges friedliches Miteinander schöpfen.

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