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Heinrich Heine in Liedern, Lyrik und Prosa in der Klosterkirche St. Nikolausberg

An diesem milden Spätsommerabend werden in Nikolausberg Stühle aufgestockt – so groß ist das Interesse an Heinrich Heine, einem der bedeutendsten deutschen Dichter und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, noch immer.
Die Mezzosopranistin Uta Grunewald, Schauspielerin Sabine Wackernagel und Pianist Hellmuth Vivell haben einen Abend gestaltet, der dem Hörer in der voll besetzten Klosterkirche Eindrücke und Stationen aus Heines Leben in Liedern, Lyrik und Prosa nahe bringt.
Ganz ohne Einführung oder zwischenzeitlichen Kommentar lassen die drei Aufführenden an diesem Abend ausschließlich Heine zu Wort kommen. Daneben leben seine komponierenden Zeitgenossen auf – Robert und Clara Schumann, Franz Schubert, Franz Liszt, Fanny Hensel und Felix Mendelssohn. Ihre Lieder spiegeln die Empfindsamkeit der Romantik – Freude, Einsamkeit, Liebesqualen, Hoffnung, Weltschmerz, all dies in der wunderbar klaren und intimen Form des Liedes.

Mit Liedern von Robert und Clara Schumann eröffnen Grunewald und Vivell den Abend, von Sabine Wackernagel erfahren wir einiges aus Heines Jugend und Studienzeit. Mit ihrer fröhlichen und charmanten Vortragsweise hat sie die Zuschauer sofort auf ihrer Seite und sorgt mit ihrem stets auf die Pointen bedachten, mimikreichen Ausdruck für viele Lacher im Publikum: „Zu Göttingen blüht die Wissenschaft – doch trägt sie keine Früchte.“
Dabei vergisst sie nicht die Heine eigene Tragik, die aus vielen seiner Gedichte hervorschimmert – und diese vermutlich so beliebt gemacht hat. Oft scheinbar lustig, immer hintergründig, liegt Heines typische Ironie in den unerwarteten Wendungen, die seine Texte nehmen. Diese weiß Wackernagel gekonnt zu betonen.
Beim von ihr vorwiegend heiter und lustig vorgetragenen „Die Sonne ging auf bei Paderborn“ bleibt dem ein oder anderen Kirchenbesucher dann das Lachen im Halse stecken – ein typischer Heineeffekt? „Mit Wehmut erfüllt mich jedesmal dein Anblick, mein armer Vetter, der du die Welt erlösen gewollt, Du Narr, du Menschheitsretter!“ In seinem Gedicht sinniert Heine beim Anblick des Gekreuzigten ironisch über den Segen der Zensur, welche den Heiland seinerzeit sicher vor seinem Schicksal bewahrt hätte: „Der Zensor hätte gestrichen darin, was etwa anzüglich auf Erden, und liebend bewahrte dich die Zensur vor dem Gekreuzigtwerden.“

Zum Ende des ersten Konzertteils bringen Grunewald und Vivell dann Robert Schumanns Liederkreis op. 24, die sogenannte „Kleine Dichterliebe“, zu Gehör. In ihrer Art dramatische Empfindungen auszudrücken waren Dichter und Komponist wesensverwandt – Schumann realisierte Heines Ironie mit eigenen Mitteln, oft fügt er noch einen zusätzlichen ironischen Kommentar durch seine musikalische Ausgestaltung hinzu.
Die Stärken von Grunewalds und Vivells Interpretation liegen immer dort, wo sie die emotionale Tiefe der Kompositionen erspüren – wenn sie sich Zeit nehmen und den Klängen von „Mit Myrthen und Rosen“ hinterher horchen, aber auch gerade dort, wo sich die Wogen der Dramatik beharrlich steigern, wie in dem Abend den Titel gebenden „Es treibt mich hin, es treibt mich her“. Hervorragend gelingt es im zweiten Konzertteil auch in Clara Schumanns „Lorelei“, welches eines der stärksten Stücke des Abends wird.

In der Pause genießt das Publikum noch einmal letzte Sonnenstrahlen im Friedhofsgarten, lobt Grunewalds Stimme, bemängelt hingegen, dass man bei den gesprochenen Rezitationen einzig Sabine Wackernagel problemlos verstehe.
Vielleicht hat es ihnen ein Vöglein gesungen – nach der Pause sind auch Vivells und Grunewalds Artikulation in der Kirchenakustik absolut prägnant und verständlich.
Vielleicht löst aber auch die Flasche Wein ihre Zungen, die Vivell demonstrativ zu Beginn der zweiten Konzerthälfte entkorkt und sich und seinen Mitstreiterinnen eingießt. Nach einem „Prosit“ aus dem Publikum lassen sie Heine über die kulinarischen Eigenheiten fremdländischer und heimischer Küche sinnieren – auch eine Verbindung ihrer Besonderheiten zu den Frauen des Landes wird hergestellt: Die britischen Schönen seien so konsistent wie in Wasser gekochtes Gemüse, in Holland sei die Zubereitung des Fischs unbeschreibbar liebenswürdig, allerdings sei es unmöglich, dass Hollands Töchter Unterhosen aus Flanell tragen.

Mit dem „Vogel als Prophet“ aus den Waldszenen von Robert Schumann bringt Vivell noch einmal eine leichte und lebhafte Interpretation – danach wird es düster: Gedichte vom Krieg, schließlich Tod und dem „Himmel danach“ beschließen den Ausflug in Heines Leben. Musikalisch bilden zwei Stücke von Felix Mendelssohn den Abschluss: Die „Neue Liebe“ entzückt den Hörer noch einmal mit zauberhaft leicht gespieltem Klavierpart, „Auf den Flügeln des Gesanges“ enthält eine zarte, hoffnungsvolle Melodie, die im 19. Jahrhundert geradezu zum Inbegriff des Liedgesanges wurde.
Der begeisterte Applaus wird mit zwei Zugaben belohnt.

Eine Wiederholung des Heine-Abends findet am 30.11. um 20:15 Uhr in Kassel im Staatstheater kleines Haus (tif) statt.

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