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Solokonzert des Pianisten Alexander Schimpf in der Aula der Universität

Gehören Sie zu den Menschen, die bei Regen einfach nur am Fenster sitzen und den Tropfen, die an der Scheibe herab rinnen, zusehen können – ohne dabei Musik zu hören, zu stricken, Tee zu trinken, daran zu denken, dass die Wäsche gleich noch in den Trockner muss – einfach nur sitzen und sehen und sein, wer man ist?

Zugegeben, mir gelingt es nur selten. Meistens ist man eben nicht in der Stimmung darauf zu warten, dass nichts (und gleichzeitig alles) passiert. Ist man aber in der Stimmung, oder schafft es eine Begebenheit, ein Naturschauspiel oder ein Künstler, einen in eine solche Stimmung zu versetzen, so erinnert man sich meist besonders eindrücklich daran.

So ging es mir gestern Abend in der Aula der Universität, als Alexander Schimpf den dritten Satz der „Großen Sonate für das Hammerklavier“ von Beethoven spielte. Das Adagio sostenuto, so warnte mich ein Bekannter, könne einem in einem ganzen Konzert durchaus mal lang werden. Es ist auch lang. Lang, melancholisch, ruhig, meditativ. Wenn man das Stück nicht kennt, hat man (auch wenn man im Besitz einer musikalischen Vorbildung ist) eigentlich die ganze Zeit über keine Ahnung was als nächstes passiert – aber es ist auch völlig egal. Den andauernden überraschenden Wechseln in Themenköpfen, Tempi, Rhythmen, Harmonien und Lautstärke muss man sich hingeben wie den Schicksalen des Lebens selbst.

Großes Kompliment an den Solisten – bei mir ist der Funke übergesprungen. Vor dem Konzert mit dem vielfältigen Programm hatte ich mich gefragt, ob ich überhaupt etwas zur Hammerklaviersonate schreiben solle – das Stück aus Beethovens Spätwerk gilt als sein schwierigstes für Klavier, für Virtuosen und Kenner steht es da wie ein Denkmal, in Stein gemeißelt. Dazu noch etwas sagen zu wollen, erscheint leicht anmaßend. Erfreulicherweise ist es letztlich auch Musik, und die erreicht einen oder sie tut es nicht. Das Publikum in der ausverkauften Aula zollt Alexander Schimpf nach den 45 Minuten „Hochleistungssport“ am Flügel wogenden Applaus und weiß seine Leistung offensichtlich zu würdigen. Sieht man ihn Doppeloktaven aufs Klavier hämmern, entgeht man als Zuschauer kaum selbst dem Drehwurm, und wenn dann in der Reprise des ersten Satzes „Allegro“ das Eingangsmotiv mit Nebenstimmen auftaucht, was an einigen Stellen dazu führt, dass obere und untere Hand sich im Thema verausgaben – gleichzeitig aber in der Mitte ein stetiger, untermalender Triller spielt – dann fragt man sich wirklich, wie er das mit nur zwei Händen eigentlich macht. Kein Wunder, dass die Sonate lange Zeit als unspielbar galt.

Davor hat der international gefragte Preisträger bedeutender Wettbewerbe übrigens noch dem Publikum und sich mit einer extrem kurzweiligen, spritzigen ersten Konzerthälfte die Zeit vertrieben, darunter „mal eben“ Brahms´ „Vier Klavierstücke op.119“ sowie Debussys beliebte fröhliche Insel – „L´isle joyeuse“. Schimpf spielt deren Staccati in „kurzmöglichster Kürze“, als würden sie nur angetippt. Dann folgt die Brandung in sich allmählich steigernden Arpeggienwellen, von denen Schimpf am Ende selber mitgerissen wird, als seine Hände nach dem Abschlusston fast links vom Klavier fallen. Echt cool.

Die vier Klavierstücke lässt er sehr emotional, aber eher zügig beginnen. Aus einem Brief an Clara Schumann geht hervor, dass Brahms sich das erste Intermezzo extrem langsam vorgestellt hat: Jeder Takt und jede Note müsse wie ein Ritardando klingen, als ob man aus jedem einzelnen Ton die Melancholie heraussaugen wolle. So ausgiebig spannt Schimpf seine Zuhörer nicht auf die Folter. Das dritte Intermezzo, grazioso e giocoso, folgt dann so leicht und fröhlich – soviel Spritzigkeit hätte man Brahms, dessen Kompositionen ja nicht gerade für ihre unbeschwerte Lebensfreude bekannt sind, gar nicht zugetraut. Vielleicht zeitigte hier aber auch sein Urlaub Wirkung, den Brahms 1893 in Österreich verbrachte, und in dem er die Stücke komponierte.

Letztlich scheint ihm soviel Lustigkeit dann auch nicht ganz geheuer zu sein, zumindest besinnt er sich im Mittelteil der Rhapsodie wieder auf seine Schwermut, als er aus vollem Galopp in einen melancholischen Teil gleitet, der das Eingangsthema in moll wiederholt. Es wird zum Schluss nochmal laut (und Dur), endet aber brahmsgewohnt in moll.

Alexander Schimpf entlässt sein Publikum an diesem Abend mit einer bezaubernden kleinen Zugabe, Egon Petris Klavierbearbeitung der Sopranarie „Schafe können sicher weiden“ von Johann Sebastian Bach – ein liebevoll vorgebrachtes „Gute-Nacht-Lied“ für seine dankbaren Zuhörer.

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