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Sacre du Printemps mit dem GSO und Judith Kara

sacreMan kann sich gut vorstellen, dass Strawinskys „Sacre du Printemps" bei der Uraufführung vor 100 Jahren in Paris durchgefallen war. Die damals völlig ungewohnten und unkonventionellen Klänge und Rhythmen klingen für heutige Ohren eher gemäßigt.

Dass die Aufführung in Göttingen mit dem Göttinger Symphonie Orchester unter der Leitung von Christoph Mathias Mueller und in der Choreographie von Judith Kara ein großer Erfolg war, liegt aber nicht nur an den geänderten Hörgewohnheiten. Schon der Beginn der Ballettmusik mit dem berühmten Fagott-Solo wurde von Ömür Kazil leidenschaftlich vorgetragen. So war schnell klar: das Orchester war bestens aufgelegt. Mitreißend führte Mueller das Orchester durch die rhythmisch anspruchsvolle Partitur, die Musiker folgten ihm jederzeit und meisterten die Schwierigkeiten bravourös. Dabei war das verstärkte Schlagwerk eindrucksvoll, die Pauken und die Große Trommel stachen besonders hervor.

Eindrucksvoll war aber vor allem die Choreographie von Judith Kara. Sie hat in die tänzerische Umsetzung des „Frühlingsopfers" zahlreiche Göttinger Schülerinnen und Schüler aufgenommen. Die Basis bildeten Karas eigene Tanzgruppen aus der Ballettschule „Art la danse". In den „Vorboten des Frühlings" und im anschließenden „Frühlingsreigen" konnten sie die zunächst heitere Stimmung und dann die düsteren Momente der Opferspiele wunderbar anschaulich auf die Tanzfläche des nackten Lokhallenbodens umsetzen. Wobei Judith Kara die mit der Musik beschriebenen Szenen neu interpretiert hat: es sind nicht die verschiedenen Volksstämme, die sich mit der Natur auseinandersetzen. Bei ihr sind junge Menschen das Thema, die sich individuell mit ihrer Entwicklung und Persönlichkeit beschäftigen. Das wurde durch die Tanzgruppen gut veranschaulicht – und durch das professionelle Solistenensemble tänzerisch noch deutlicher: Marie Theres Zechiel ist eine frühere Schülerin Karas und war schon mehrfach in Göttinger Produktionen zu sehen. Jetzt ist sie in verschiedenen nationalen und internationalen Produktionen engagiert. Es war sehr schön, sie mit ihrem starken Ausdruckstanz in Göttingen wiederzusehen. Verstärkt wurde das Solistenensemble noch durch Alexander Teutscher, Jennifer Helm, Ilaria Stein, Jane-Lynn Steinbrunn, Ayako Toyama und Elena Zwitzler.

Zu Judith Karas Neuinterpretation passte gut, dass sie keine menschliche Person aus dem Ensemble nahm, um die Rolle der „geopferten Jungfrau" zu tanzen. Vielmehr war es eine Puppe, mit der sich die 10jährige Tänzerin Moana Krewenka beschäftigt hatte: sie tanzte mit ihr, sie stritt mit ihr, sie rang mit ihrer Rolle als Puppenmutter. Kara blieb sich bei der Umsetzung treu und stellte die jugendliche Entwicklung in den Mittelpunkt. Nachdem Krewenka die Puppe mit mehreren Lagen Kleidern angezogen hatte, wechselte die Perspektive: Ufuoma Essi, eine frühere Schülerin Karas, ist angehende Profitänzerin. Sie vermenschlichte nun die Puppe und tanzte einen Opfertanz, in dem sie sich der Stofflagen wieder entledigte. Die Emotionen haben die prall gefüllte Lokhalle mitgerissen. Die knisternde Anspannung war förmlich zu spüren und entlud sich erst nach einem Moment der Stille in lang anhaltendem Applaus.

Leider gab es an dem Abend auch einige Wermutstropfen: mit der Lokhalle hat die Stadt Göttingen einen großartigen Ort, um solche und andere Produktionen umzusetzen. Aber leider wird nicht dafür gesorgt, dass die Akustik für solche Produktionen geeignet ist. Das Orchester auf eine leere Bühne mitten in der Halle zu setzen und unverstärkt und ohne akustische Maßnahmen spielen zu lassen, war unverantwortlich. Eine Rückwand aus Holz, eine abgehängte Decke hätten hier Not getan. Leider hat das dafür gesorgt, dass die vorab gespielte fünfte Sinfonie von Ludwig van Beethoven völlig fehl am Platze war. Das Orchester klang seltsam fern, die einzelnen Klänge kamen auch nicht immer gleichzeitig im Publikum an. So konnte kein Funke überspringen. Mueller hatte vielleicht deshalb ein extrem schnelles Tempo gewählt, um diese Probleme zu überspielen. Die Choreographie von Judith Kara war angenehm zurückhaltend. Es bleibt aber der Eindruck, dass die ungemein starke Musik Beethovens keiner tänzerischen Umsetzung bedarf. Sie braucht nur eine gute Akustik, um entsprechend zu wirken. Sehr ärgerlich ist auch die Lüftungstechnik in der Lokhalle, die die Orchestermusik bisweilen stark übertönt hat.

In der Ballettmusik Strawinskys traten diese Probleme etwas in den Hintergrund. Das lag sicher auch daran, dass das Orchester vor allem durch Blechbläser und Schlagwerk deutlich verstärkt worden ist. Leider kam aber nur die Fassung für den Orchestergraben zum Erklingen. Für eine Aufführung in der Originalfassung ist eine deutlich größere Besetzung vorgesehen. Doch dafür fehlte schlicht das Geld für die dafür notwendigen Musiker.
Es ist schade, dass ein solch großartiges Ereignis unter solchen Rahmenbedingungen zu leiden hatte.

Dass dennoch die Begeisterung in der Lokhalle durch Trampeln, Pfeifen, rhythmisches Klatschen und zahlreiche Bravo-Rufe deutlich überwog, zeigt, dass in Göttingen solche Großprojekte ihren Platz haben. Es ist sehr erfreulich, dass sich genügend Sponsoren wie der Sparkasse Göttingen, der Städtischen Wohnungsbau, der GWS und der Stadtwerke Göttingen gefunden haben, um dieses Großprojekt überhaupt zu ermöglichen. Alle Beteiligten – Musiker, Laien, Profis, Sponsoren und Helfer an dem Abend und allen voran Judith Kara können stolz auf die Umsetzung des Projektes „Sacre" sein. Eine lange, intensive und arbeitsreiche Vorbereitungszeit von Judith Kara gemeinsam mit Nils König, Christian Tachezi (Geschäftsführer des Göttinger Symphonie Orchesters) sowie den beteiligten Schulen und Lehrern hat diesen Abend ermöglicht, das Göttinger Symphonie Orchester mit Christoph Mathias Mueller und den Tänzerinnen und Tänzern haben die beiden Abende sowie die Nachmittagsveranstaltungen umgesetzt. Gratulation!

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