Visionen erwünscht – GSO in der Stadthalle mit dem zweiten Teil des E.A. Poe Zyklus

Entgegen dem Bonmot eines ehemaligen Kanzlers sind Einblicke, Erscheinungen, Phantasievorstellungen – Visionen eben - an diesem Abend ausdrücklich erwünscht, zumindest soll die vorgestellte Musik sie erzeugen.

In freier Anlehnung an den ersten Teil der Miniaturthemenreihe innerhalb des Philharmonischen Zyklus I (vom Dezember des letzten Jahres) stellt das Göttinger Symphonie Orchester unter Ekhart Wycik Kompositionen zweier französischer Komponisten vor, welche ihre Entstehung der Begeisterung für die Werke des Dichters Edgar Allan Poe verdanken. Die den Abend beschließende „Symphonie fantastique" findet auf den Plakaten keine explicite Erwähnung - vielleicht hätte dies die Stadthalle mehr als zu gut zwei Dritteln gefüllt?

Mit Poe

„Les Cloches“ („Die Glocken“, op. 259)- diese Gedicht Poes bildet die Vorlage, welches Darius Milhaud 1945/46 in seinerSymphonischen Suite in Töne setzte. Die Ballettmusik an diesem Abend ohne Tanz dargeboten- rahmt mit den Ecksätzen ( und Bacchanale) die vier Strophen des Gedichtes ein. Jede dieser Strophen beschreibt, ummalt den Klang je einer Glockenart (aus Silber, Gold, Bronze, Eisen) und verbindet ihn mit Bildern, Stimmungen aus verschiedenen Lebensphasen (z.B. Gold für Hochzeit, Eisen für die Todesglocke); wobei die Assoziationen zusehendnervöser düstererund nervöser werden, schließlich im wüsten Tanze eines Dämonenkönigs enden.

Poes teils exzessive Wortwiederholungen innerhalb einzelner Verse greift Milhaud dankbar als Stilmittel für seine Vertonung auf- besonders die Repetition „Glocken/Bells“, welche bereits in der Ouverture die tiefen Stimmen mit einem Quart-/Quintmotiv vorstellen. Dort findet sich ebenfalls eine Melodie, die in diversen Schattierungen in allen Sätzen immer wieder erklingt.

Milhaud zeichnet die vier Strophen durch Lautmalerei sowie die Nachahmung des Klangs je nach Glockenmaterials- durch die Instrumentation effektvoll nach.

Die scheinbar- einfachen, deutlich abgegrenzten Sätze gewinnen ihren Reiz unter anderem durch das Überlagern zweier oder gar mehrer Tonarten. Die dabei entstehenden harten, klaren Kontraste mögen ein wenig an die Malerei Paul Cézannes erinnern. 

Den Dämonentanz der vierten Strophe breitet Milhaud erst -nun mit verschobenen Rhythmen sowie groben, aggressiven Klängen- im abschließenden Bacchanale richt aus; verklammert somit geschickt Strophen und Rahmen seiner Suite. 

 

„Die Maske des roten Todes“- diese schaurige Poesche Kurzgeschichte dient als Anregung für André Caplets „Conte fantastique“ für Harfe und Streicher (1908; ursprünglich für Harfe und Streichquartett). Den Solopart mehr Prima inter pares denn Soloinstrument- übernimmt Natalia Girunyan. 

Sofort fällt auf, wie anders Caplet sich von Poe hat inspirieren lassen: Geheimnisvoll, düster, äußerst leise legen die Streicher einen Teppich aus Tönen, auf dem die Harfe zu ersten tastenden Bewegungen ausholt. Das Nervöse, Unheimliche, unter-der-Oberfläche-Gärende der Vorlage ist hier ganz körperlich in Klang gesetzt. Perfekte Stummfilmmusik.

Die weiteren Stationen der Erzählung werden in der fünfteiligen Komposition eindrücklich geschildert, wobei die Stimmung des Anfangs zweimal in der Mitte sowie zum Ende- wiederkehrt.

Die harmonischen Mittel sind andere als bei Milhaud; näher an der Musik C. Debussys- angereichert mit einigenVerfremdungseffekten wie sie uns später bei Berlioz auch begegnen werden. 

Die Balance zwischen der nun naturgemäß eher leisen Harfe sowie dem Streichorchester ist allezeit gewahrt. Mit einer stimmungsvollen Zugabe (mir leider unbekannt; vermute ebenfalls Caplet) bedankt sich Frau Girunyan für den reichlichenApplaus des Publikums.

 

Ohne Poe

Zum Orchester bislang noch kein Wort- warum?

Die letzten beiden Sätze der Berliozschen „Symphonie fantastique: Episoden aus dem Leben eines Künstlers“ op. 14 (1830)geben die Antwort; doch der Reihe nach…

Bis zu eben jenem Punkt fehlt dem Abend etwas: Der Orchesterklang ist bei aller Fülle, allen Farben- merkwürdig glanzlos; teils rhythmisch unpräzise; ohne Verve, Attacke, Schärfe. Verstehen Sie mich nicht falsch: All dies nurein bißchen. So wie ein hauchdünner Staubfilm auf der Fensterscheibe den Sonnenglanz im Zimmer dahinter ein geringesmindert.

(Um etwas in Details zu gehen: Eine sehr ordentliche Leistung der Streichergruppe wird getrübt durch diverse Unsauberkeiten und rhythmische Schlampereien der ersten Violinen (besonders bei Milhaud/Caplet)die Klarinetten hätten im Berlioz die ein oder andere Passage noch lieblicher, noch sanfter gestalten können; Lob verdient das Schlagwerk; ein großes(!) Lob die Bratschengruppe. Vielleicht liegt es, warum auch immer, am Gastdirigat?)

Schließlichdie zwei letzten Sätze der Symphonie fantastique“ stehen an- dieses letzte Promille, was zuvor fehlte - es ist wie weggeblasen! Als ob das Orchester den langen Anlauf zuvor benötigt hätte. 

Selbst das vertrackt-verrückte Fugato im „Hexensabbat“ des Schlußsatzes gelingt ganz famos. 

Begeisterter Applaus. Keine Zugabe. Was soll man danach auch spielen?

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