Carmina burana von Carl Orff in der Jacobikirche

Der heilige Jacobus und der böse Zauberer Hermogenes blicken ungerührt vom Altar der Göttinger Jacobikirche auf das weltliche Geschehen unter ihnen: da singen Kinder von Amor, Jünglingen und Jungferlein, da singen Männer von Bacchus und von Trinkgelagen in der Schenke, da gibt sich eine Frau ganz und gar ihrem Süßesten hin – und zu allem tanzen junge Damen und hübschen sich mit Lippenstift auf. Und als sei das alles nicht genug, wird zudem ein Schwan gebraten.

Sind das die bösen Zauber, die Jacobus der Legende nach besiegt hat? Bereits im Eingangschor „O Fortuna“ konstatiert der Chor, dass Willenskraft und Schwachheit immer im Widerstreit liegen. Bei den Aufführungen der „Carmina burana“ von Carl Orff stand die Liebe und die Lebenslust an drei Abenden im Mittelpunkt. Am Ende gab es nur Sieger und keine Besiegten:

Da sind zu allererst die Tänzerinnen der Balletttschule „art la danse“ zu nennen. In einer Choreographie von Judith Kara griffen sie die zum Teil deftigen Inhalte auf und setzten die musikalischen Bilder mit Ausdruckstanz um. Ihr Tanz beschränkte sich nicht nur auf den Altarraum: immer wieder wurden die Gänge im Kirchenschiff als Tanzfläche genutzt – und sogar das Publikum wurde mit einbezogen: Schminkspiegel wurden den Zuhörern entgegengehalten oder kurze schriftliche Botschaften verteilt. Judith Kara hat großartige Bilder geschaffen, die die Tänzerinnen ungemein ausdrucksvoll umgesetzt haben.

Das Orchester bestand zum einen aus zwei Flügeln mit den Pianisten Miriam Puls und Michael Schäfer und zum anderen aus dem Wuppertaler Schlagzeugensemble – aufgeführt wurde nämlich die von Orff autorisierte Fassung für zwei Klaviere und Schlagwerk. Die zum Teil komplizierten Rhythmen dieser Musik können in dieser Fassung häufig deutlicher herausgearbeitet werden als in der Orchesterfassung. Das war in der nicht einfachen Akustik der Jacobikirche nicht immer so deutlich herauszuhören.

Das gilt auch für den Chor, bestehend aus der Kantorei St. Jacobi und dem Unterstufenchor des Otto-Hahn-Gymnasiums. Zwar klang das Tutti groß und archaisch, der Kinderchor jugendlich frisch, der Männerchor mit erfreulichen großen Ton. Nur konnte man zu nahezu keinem Moment etwas vom Text verstehen. Dabei lebt doch zum Beispiel die Szene „in tabernam“ von der Artikulation.

Der Begeisterung der Sängerinnen und Sänger, aber auch der Zuhörer tat das allerdings keinen Abbruch. Diese Musik ist mitreißend komponiert und mitreißend wiedergegeben worden.

Von den Gesangssolisten hat der Tenor als Schwan die dankbarste Rolle. Andreas Fischer gestaltete seinen Auftritt perfekt. Der Bariton Samuel Hasselhorn konnte vor allem in den hohen Lagen überzeugen, während Anna Gann ihr „Dulcissime“ zuckersüß gestaltete und damit die Herzen des Publikums eroberte.

Von der Kanzel aus agierte Stefan Kordes als musikalischer Leiter. Präzise dirigierte er die Ensembles. Er hatte sichtlich Freude am Geschehen im Altarraum und auf dem hohen Chorpodest. Wie auch das Publikum in der dreimal ausverkauften Jacobikirche. Und wie wohl auch der heilige Jacobus.

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