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Georg Kaisers Gas-Trilogie am Deutschen Theater

Einmal monatlich werden die Sozialfälle aufgefangen. Den großzügigen Spender von Jobs, Ausbildungshilfen und Unterhalt interessieren die Schicksale wenig, wie sie da über die kreisende Bühnenfläche kriechen, jammern und sich empören. Gebrochene Klavierstimmungen fluten dieses Almosenschauspiel im Wechsel mit dem percussiven Aufruhr, den Theatermusiker Martin Engelbach im Orchestergraben anrichtet. Auch eine zarte Geigenmelodie darf sich einmischen, während die Schecks zu Boden gleiten, aber eben nur für den Moment. Hier geht es nicht um die emphatischen Neigungen einen milliardenschweren Unternehmers sondern um den Versuch der Seelenhygiene, mit dem Georg Kaiser seinen ersten dramatischen Schachzug vornimmt.

In drei Stücken hat Kaiser den zerstörerischen Weg des Kapitals verfolgt, und alle Stadien der Ressourcenausbeutung zugunsten der Profitmaximierung beschrieben. die sich für ihn in den Jahren des ersten Weltkrieges und danach abzeichneten. „Die Koralle“, „Gas I“ und Gas II „ bilden eine dramatische Chronik, für die Regisseur Mark Priebe und seine Bühnenbildnerin Susanne Maier-Staufen am Deutschen Theater ungeheuer starke Bilder gefunden haben. Wie die musikalischen Motive sind auch die Szenen energisch aufgeladen, wenn die Industriegesellschaft unbeirrbar und unbelehrbar auf die Katastrophe zusteuert.

Der Abend beginnt mit den Nahaufnahmen einer Industriellenfamilie, die zu den weltweit größten Gasproduzenten gehört. Ein heller dünner Stoff ummantelt das Szenario für „Die Koralle“. Der Patriarch in der Pose des Wohltäters möchte unbedingt verdrängen, dass er seinen Aufstieg aus ärmlichsten Verhältnissen nur mit der maximalen Ausbeutung aller menschlichen Ressourcen betreiben konnte. Auch darin verweigert ihm sein Sohn die Gefolgschaft, um stattdessen für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen in den Fabriken zu kämpfen. Dann kommt es zu einer Gasexplosion und der Störfall wird zum Auslöser für „Gas I“ und Kaisers dramatische Spekulationen über Veränderung der Verhältnisse.

Die tarnenden Stoffbahnen verschwinden in der Versenkung und geben den Blick frei auf eine Trümmerlandschaft mit staubigen Schloten und ramponierter Kommandozentrale. Hier vertraut der Milliardärssohn auf sein Kollektivmodell mit Gewinnbeteilung der Arbeiter, die daraufhin die Gasproduktion und ihre Profitrate auf Rekordniveau treiben. Dabei kommt es dann zu einem weiteren Störfall und zum Generalstreik. Die Arbeiter lassen sich  nicht von der Aussicht eines visionären Schwärmers locken, der für alternative Lebensverhältnisse mit Gartengrün auf dem rekultivierbaren Gelände plädiert. Am Ende wird der Betrieb verstaatlicht, so dass dann in „Gas II“ der Rubel endlich wieder rentabel rollen kann. Bewegt wird er jetzt von Fließbandzombies, die im Takt der Maschinen die Giftgasproduktion für den nächsten Kriegseinsatz ankurbeln.

Regisseur Mark Priebe vertraut auf die Bildkraft der Sprache, die in Kaisers Texten förmlich explodiert und dann so leidenschaftlich emphatisch bewegt. Er scheut auch nicht das Pathos, wie es etwa in den hymnischen Beschwörungen des Milliardärssohnes mitschwingt, seiner Vision eines neuen Menschen, der niemals wieder von fauchenden Kaminen bedrängt werden soll. Füllt eure Münder mit Zorn und Zank skandieren die Arbeiter auf den Trümmerbergen und heizen die hochexplosive Bühnenatmosphäre weiter an.

Was an Kaisers dramatischem Abgesang auf die ökonomische Raffgier und ihre Folgen bewegt, ist diese erstaunliche Halbwertzeit. An seine Untergangsvisionen vom drohenden Super GAU haften sich nicht nur die Bilder von Seveso und Fukushima und die der jüngsten Giftgasattacken in Syrien. Priebe macht in seiner Inszenierung auch hellhörig für die Strategien zur Optimierung von Arbeitsprozessen im globalen Wettbewerb, die in dieser Gas-Trilogie bereits anklingen und dass es dabei zwangsläufig zu Kollateralschäden kommt.

„Gas II“ wird zum finalen Albtraum, wo Priebe die Sprache des Textes verstummen lässt. Jetzt sprechen nur noch die bewegenden Bilder von Bühnen- und Kostümbildnerin Susanne Maier-Staufen in einem Panoptikum des Schreckens und der Zerstörungen. Zunächst mit Aufnahmen von Militärparaden, wie sie totalitären Systemen im Gleichschritt huldigen. Der gleiche unerbittliche Takt regiert die Maschinenmenschen mit ihren grinsenden Masken in einem Raster von Gestängen, Gewinden und Kabeln. Er diktiert auch die Videoszenen, die wie an einem Fließband eingeblendet werden. Den Aufnahmen von Menschen auf Flucht vor Giftgasattacken, wie sie in Panik ausbrechen und vergeblich keinen Schutz finden, folgt ebenso unerbittlich das gespenstische Portrait eines Kopfes mit leeren Augenhöhlen. So sah es damals aus, das Gesicht eines Senfgasopfers, dessen Bild auch nach fast 100 Jahren einfach nicht verblassen will. Ebenso wenig wie die Wirkung von Kaisers Gas-Trilogie, die in dieser couragierten und bewegenden Inszenierung nachhaltig aufstört und bewegt.

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