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Das Revuestück „Zwei Krawatten“ am Deutschen Theater

Für 1000 Mark lässt sich Jean natürlich gern seine Krawatte und sein Kellneroutfit abschwatzen. Wie der Zufall so spielt, gewinnt er jetzt auch noch eine Amerikareise, begegnet der reichen Mabel und kann so auf einen attraktiven Platz in der besseren Gesellschaft hoffen. Georg Kaisers Revuestück „Zwei Krawatten“ jongliert auch weiterhin mit überraschenden Begegnungen und scheinbar zufälligen Wendungen. Wenn Jeans Freundin Trude ihrem flüchtigen Liebhaber nachreist, unterwegs als Millionenerbin identifiziert wird und der Krawattentausch auch noch politische Folgen hat. So schräg und absurd wie die Handlung gestaltet sich auch die Bühnenshow, die Regisseurin Antje Thoms am Deutschen Theater inszeniert hat. Als böse Farce über die Sehnsuchtswelt von Ganz und Glamour und die lukrativen Wert des schönen Scheins.

Schon im Bühnenbild von Florian Barth werden alle Showeffekte als das entlarvt, was sie sind. Dekorative Illusionskulissen aus Holz und Metal. Mit Farbe und Licht behaupten sich schlichte Prospekte als Ballsäle und Vergnügungsdampfer, werden zu Luxushotels, Eisenbahnabteilen oder auch zu einen tristen Hafenkulisse. Darin kann das Illusionspersonal effektvoll posieren, damit jeder Auftritt die Wirkung eines ganz besonderen und unterhaltsamen Events bekommt.

Zu Beginn macht Benjamin Kellner als angesagter Krawattenträger noch ein paar gestische Testläufe, bis die öffentliche Maske aus Eitelkeit und Berechnung stimmt. Katharina Uhlands kapitalschwere Mabel ist eine ewig strahlende Barbiepuppe an seiner Seite, die auch für unangenehme Situationen ein Lächeln parat hat. Die mütterliche Fürsorge von Konzernchefin Gaby Dey als Frau Robinson erinnert an den Auftritt einer Operndiva, die hier auf ein lukratives Bündnis mit hohem Gefühlsfaktor setzt. Und mit Karl Miller in der Rolle des bigotten Senator Meckarton kommt auch der Politentertainer zu seiner Show. Andreas Jessing, der als Notar Bannermann in Trude endlich die gesuchte Millionenerbin entdeckt, bringt hin und wieder ein bisschen ironische Erdung in das bizarre Panoptikum. Und sei es mit einem mokanten „das ist ja ekelhaft“. Wie Marie Seiser, die ihren Jean erst knapp bei Kasse und dann edel gestylt in ein gemeinsames Happy end verfolgt, bleibt auch ihm der Gesichtsturbobräuner erspart, den die Showgrößen des Abends mit ihren schrillen Galaroben zu Markte tragen. Dazu lassen auch die Choreografien von Valenti Rocamora i Torà die Unterhaltungsmaschinerie zwischen Hamburg, New York und Miami wirkungsvoll rotieren. Die Tänzerinnen und Tänzer sind allerdings nicht nur Zulieferer von Glanz und Glamourmotiven. Sie bilden auch Alltagsgestalten und Alltagschronisten, die sich dann zu einem Chor von funktionalen Strebern formiert, das leider keinen Zutritt zur angesagten Edelparty bekommt.

Antje Thomas hat auch ein paar Showikonen in diese Revue um Kohle, Karrieren und Gefühle geschmuggelt. Als „special guests“ kommen Micky Maus und Goofy zum Einsatz. Auch Marilyn Monroe und Elvis Presley lassen die Musiker der „Windsor-Knoten-Band“ ein weiteres Mal zu Hochform auflaufen.
Im Georg Kaisers Libretto und in der Musik von Michal Spolanski spiegeln sich natürlich weiterhin die zwanziger Jahre als Entstehungszeit der „Zwei Krawatten“. Aber das eben auch mit Blick auf eine Unterhaltungsindustrie, die als opulente Täuschungsmaschinerie boomte und damals die Alarmsignale der Weltwirtschaftskrise so grandios wegblendete. Trotzdem kommt es an diesem Abend nicht zu einer sentimentalen Zeitreise in die „roaring tweenties“, als die Glückshoffnungen noch mit Swing, Charleston und Strassklunkern verpackt wurden. Schon mit seiner Gas-Trilogie, die ebenfalls am DT Premiere hatte, zeigte sich Kaiser als dramatischer Visionär, was kapitalistische Erfolgsstrategien betrifft. Ähnlich visionär mutet sein absurdes Szenario bei der Odyssee von Jean und Trudl im Land der ach so und begrenzten Möglichkeiten an. Nur dass es dabei nicht um ein Industrieunternehmen geht sondern um den gewinnträchtigen Wirtschaftszweig Unterhaltung, den Antje Thoms in ihrer Inszenierung  dann so schön schrill, absurd und bösartig ausufern lässt.

An diesem Abend wird genussvoll überzeichnet und parodiert und das mit schaurigen Effekten. Vor dem Bildschirm wäre dann vermutlich der Griff zur Fernbedienung fällig, weil bei einer Promishow mal das Schwachsinnsniveau einer Show unterschritten wird und die Maskerade der Beteiligten ihren hässlichen Zenit erreicht hat. So manche telegene Zuschauerzumutung lauert in den neun Bildern dieser musikalischen Farce, deren Autor sich über die weniger unterhaltsamen Aspekte so unterhaltsam mokierte, dass das Theaterpublikum auch weiterhin in die unterhaltsame Falle tappt. In der listigen Inszenierung von Antje Thoms und ihrem tollen Entertainerteam vielleicht sogar besonders gern.

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