A cappella-Klassiker der 1920er bis ´50er Jahre mit dem Göttinger Vokalensemble in der Alten Fechthalle

Das Göttinger Vokalensemble hat zu einem Konzert in die Alte Fechthalle eingeladen. Das klingt nach kultiviertem Klang und gediegener Chorliteratur. Wer mit diesen Erwartungen die Fechthalle betrat, wurde überrascht: ein grünes Krokodil stand am Einlass, um die Karten zu kontrollieren. Ein Klavierspieler (wunderbar: Moritz von Lingen) verkürzte die Wartezeit mit Barmusik, an einer Theke gab es Getränke. Im Publikum saßen zahlreiche Personen, die sich im Stil der 20er Jahre angezogen hatten. Schuld war das Motto dieses Konzertes: „In der BAR zum Krokodil! - A cappella-Klassiker der 1920er bis ´50er Jahre“.

Diese Musik sorgte nicht nur im Publikum für gute Laune, sondern auch im Chor: dieselben Gesichter, die hoch konzentriert und auf hohem Niveau im Januar englische Chormusik des 20. Jahrhunderts präsentierten, sangen nun vergnügt und mit viel Swing von der „Bar zum Krokodil“, von „Wochenend und Sonnenschein“ und von der „Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe“.

Andreas Jedamzik hatte sein Vokalensemble gründlich vorbereitet. Die Harmonien dieser Songs sind für Chorsänger ungewohnt. Zudem müssen die Lieder leicht und locker klingen, um ihre Wirkung zu entfalten. Das ist Jedamzik und seinen Sängerinnen und Sängern hervorragend gelungen. Um vom ersten Song an gute Laune im Publikum zu verbreiten, müssen die Stücke „sitzen“, die Choristen dürfen sich nicht zu sehr mit Noten und Text beschäftigen. Und weil genau das auch so war, konnte man direkt in die vergnügten Gesichter im Chor sehen.

Für Liebhaber der Comedian Harmonists und der Musik in diesem Stil ist es natürlich ein Wehrmutstropfen, wenn diese Lieder nicht von einem Männerensemble, sondern von einem gemischten Chor gesungen werden. Andreas Jedamzik hat diese Klippe erfolgreich übersprungen. Denn zum einen waren die gewählten Arrangements durchaus überzeugend und zum anderen ließ er zwischendurch die Männer genauso als Stimmgruppe antreten wie die Frauen. Auf „When I take my sugar to tea“ kam (O-Ton Jedamzik) die Antwort der Männer zu diesem Thema mit „Lass mich dein Badewasser schlürfen“.
Diese Literatur könnte der Chor durchaus noch vertiefen. Dann könnten einige Details noch verfeinert werden. So konnten sich die Männerstimmen akustisch nicht immer durchsetzen, wenn sie als Melodiestimme hervortreten sollten. Und in den Harmonien der Barbershops fühlten sich die Stimmen noch nicht so richtig zuhause. Jedoch wird das nächste Projekt wieder ganz andere Anforderungen an den Chor stellen - und dieser wird sich damit noch weiterentwickeln.

Und das Göttinger Vokalensemble hat sich prächtig entwickelt! In diesem Chor treffen sich jüngere wie ältere Stimmen. Andreas Jedamzik ist es gelungen, einen sehr homogenen Chorklang zu erzeugen. Während der Chor früher eher ein Satellit der Hamelner Kantorei war und nur hin und wieder als eigenständiges Ensemble zu hören war, ist jetzt ein sehr eigenes Profil erkennbar. Damit wird der Chor seinen Platz im Göttinger Chorleben erobern. Das Publikum hat der Chor bereits erobert.

Denn das Publikum war in der ausverkauften Fechthalle restlos begeistert – und forderte am Ende vier Zugaben. Wäre der Chor nicht abgetreten, hätten die Sängerinnen und Sänger das komplette Programm wiederholen dürfen…

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