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"Grooming" im Deutschen Theater

Leicht zögernd nimmt das Mädchen Platz auf der Parkbank. Es wirkt ein bisschen nervös und verkrampft und nimmt auch nichts wahr von der Waldstimung, die im Hintergrund der Studiobühne auf zwei Leinwänden abgebildet ist. Der Grund dafür nähert sich bereits schattenhaft als dunkle Silhouette, die sich für einen Moment riesenhaft zwischen den Stämmen und dem Gebüsch aufbläht und dann ebenfalls auf die Bank zuhält.

Der Mann redet scheinbar entspannt drauf los, aber vielleicht ja auch gezielt. Mit seiner Beschreibung von ziemlich alten Filmszenen und ihren Helden kann das Mädchen zwar nichts anfangen, auch nicht mit der Beschreibung seiner wilden Künstlerbiografie. Aber all das ist Teil der Erniedrigung, die er sie schon bald unmissverständlich brutal spüren lässt. Auch wenn sie sich jetzt angeekelt krümmt, Rachen und Mund voll mit seinem Sperma, er hat die Situation unter Kontrolle.

„Grooming“ heißt das Stück des spanischen Dramatikers Paco Bezerra, das Intendant Erich Sidler als deutschsprachige Erstaufführung auf der DT – 2
Bühne inszenierte. Es steuert szenisch zunächst direkt auf die Bedeutung des Begriffes „Groomig“ zu, die sexuelle Belästigung von Kindern und Jugendlichen im Internet. Beschrieben wird auch, wie die verführerische Strategie des Mannes funktioniert hat, der sich im Chatroom einfach als 16 Jähriger ausgab und sie überredet hat, ihm ihre Brüste zu zeigen. Die Waldidylle ist bereits komplett verpixelt, wenn er nun mit dem Video auf der Leinwand droht, das natürlich auch ihr Vater und ihre Freunde zu sehen bekommen könnten.

Es ist eine klassische Täter-Opfer Konstellation, die Erich Sidlers Inszenierung den Zuschauern in diesen Szenen ganz unmittelbar zumutet. Mit all dem, was Vanessa Czapla an purer Angst, nackter Panik und Ekel mit ihrer Figur anspricht und mit den Machtgelüsten und Taktiken, die Andreas Jessing so überlegen und bedrohlich ins Spiel bringt. Doch dann sind auf einmal die Rollen vertauscht und das nicht nur, weil sich das Mädchen als Polizeibeamtin outet, die genau solche Typen im Netz jagt. Sie hat ihren freien Tag und endlich ein Opfer für ihre eigenen sexuellen Obsessionen gefunden und für die Macht, die darin lauert.

Das Thema Grooming wird zum Auslöser für eine Debatte, um Fragen des menschlichen Miteinanders, die Bezerras Stück aufwühlt: Dass in Beziehungen und Verhältnissen eben auch Macht und Dominanzbedürfnisse virulent sind, in denen sexuelle Fantasien und Obessionen eine entscheidende Rolle spielen: Welche Stimulanzien, ob nun Hunde, Schuhe, Menschenmengen oder ihre Ausscheidungen sind legitim? Welcher Fetisch ist gesellschaftlich akzeptiert und welcher nicht? Die Stück verstört auch mit der Frage, warum der andere sich den schwächeren Part in den gelebten Fantasien zuweisen lässt und damit seine Rolle als Opfer in einer ungleichen Beziehung akzeptiert. Mit Blick auf die Figur eines Pädophilen wird sie drastisch zugespitzt. Der beteuert nun, sich nie wieder an jungen Mädchen zu vergreifen, kann aber nicht erklären, was ihn außer der sexuellen Befriedigung noch angetrieben hat. Auf seine Peinigerin wirken diese Beteuerungen von Angst und Schwäche wie ein Stimulanz. Lustvoll strahlend operiert mit den gleichen Erniedrigungsstrategien, die sie zuvor als junges Mädchen aushalten musste.

Wieder kommt es zu einer extrem verletzenden Grenzüberschreitung für Befriedung von Machtbedürfnissen und Obsessionen. Und wieder lassen sich auch diese Bilder  nicht einfach mit moralischen oder juristischen Argumenten werten. Was Bezerras Figuren einander zumuten, findet immer wieder so oder anders statt und eben nicht nur im Chatrooms, wo intime Wünsche und Fantasien hinter Nicknames in Rollenspielen gelebt werden, wenn sich dafür keine reale, gesellschaftlich akzeptierte Nische findet.

Erich Sidlers Inszenierung reflektiert die Fragen und Befunde des Stückes über den Weg der Nahaufnahmen, bei denen Vanessa Czapla und Andreas Jessing immer mehr an zerstörerischen Energien freilegen. Zum Fürchten ist dieses Psychoduell und so unerbittlich in der Diagnose über Verhältnisse und Beziehungen, weil es auch eine entscheidende Frage stellt, die hinter diesem Grooming Szenario lauert. Wie gehen wir miteinander um, auch mit den alltäglichen und vielfach auch geduldeten Übergriffen? Wo einer den Raum des anderen mit einem Wort, einer Geste oder einer Berührung bedrängt, lauern meist noch weitere Zumutungen, die auch nicht akzeptabel sein müssen und  trotzdem weiter grassieren.

Wenn sich die Bühne am Ende verdunkelt, lehnt ein Spaten an der Parkbank. Die verpixelte Waldidylle wird zur Filmkulisse für die Bilder aus einem Trickfilm über Alice im Wunderland. Es geht senkrecht bergab in dem Hasenbau, vorbei an verstaubten Requisiten und mumifiziertem Spielzeugfiguren, ohne ein Licht am Ende des Tunnels. Das sind die Aussichten, die dieser Theaterabend auch anspricht, wenn er immer wieder verstört, nachdenklich stimmt und dann erneut beklemmt und genau deshalb den Zuschauern sehr nahe gehen möchte. Das vermag er.

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